14. Juli 2020

Was bringt mich Gott näher?

Als Jugendlicher habe ich öfter Debatten im Bundestag, der damals noch in Bonn tagte, verfolgt. Es ging da gelegentlich heiß her und nicht jedes Wort war politisch korrekt. Zwei „Kampfhähne“, an die ich mich erinnern kann, waren Franz Josef Strauß und Herbert Wehner. Wehner ist heute noch der Politiker mit den meisten Verwarnungen im Parlament, er wurde sogar einmal für 10 Sitzungstage ausgeschlossen.

Am 22. März 1950 wurde er von Bundestagspräsident Erich Köhler wegen unparlamentarischen Verhaltens für zehn Sitzungstage ausgeschlossen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Herbert_Wehner#Rhetorik besucht am 26. Mai 2020 um 8:13.

Es wurde um die Zukunft und den rechten Weg für unser Landes gestritten und die verschiedenen Ansichten und Argumente prallten aufeinander. Es gab heiße Debatten, aber die Gemüter beruhigten sich auch wieder, Sachargumente konnten ausgetauscht und Kompromisslinien gefunden werden.

Auf Demonstrationen kann man heute auch Menschen erleben, die ein gewachsenes, aggressives Misstrauen gegenüber den Entscheidungsträgern der Gesellschaft haben. Das macht mir Sorge! Denn wer im ständigen Misstrauen lebt, wird kaum die Sachargumente der Gegenseite in Ruhe bedenken.

Studien zeigen: Negative Gefühle sind langlebiger als positive.

Negative Emotionen wie Angst und Wut lassen sich leichter herbeiführen, und sie halten länger vor als positive – es dauert wesentlich länger, Vertrauen aufzubauen als es zu verlieren. Eine Stressreaktion tritt in Sekundenbruchteilen ein, während es Stunden dauern kann, sich zu entspannen.

JARON LANIER: Zehn Gründe, warum du diene Social Media Accounts sofort löschen musst. 2. Auflage — Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag, 2018, S. 30.

Das können Sie an sich selbst überprüfen. Wenn Sie jemand lobt oder Sie ein schönes Erlebnis haben, wie viele Stunden oder Tage hält das an? Oft genügt eine gegenteilige Erfahrung. Und wie lange sind Sie über einen Tadel verstimmt oder tragen ein ungutes Gefühl mit sich herum, weil Sie etwas Negatives erlebt haben.

Studien zeigen, dass man mit Gefühlen Wahlen beeinflussen kann!

Their conclusion: „Emotional states can be transferred to others …, leading people to experience the same emotions without their awareness.“ In other words, Facebook’s algorithms can affect how millions of people feel, and those people won’t know that it’s happening. What would occur if they played with people’s emotions on Election Day?

CATHY O’NEIL: Weapons of Math Destruction. How Big Data Increases Inequality and Threatens Democracy. Penguin Random House UK, 2017, p. 184.

Wir sollten uns fragen: Wer profitiert von diesem gewachsenen, aggressiven Misstrauen in unseren Demokratien? Woher kommt diese Stimmung?

Der heilige Ignatius gibt uns in seinen Regeln der Unterscheidung der Geister ein Kriterium an die Hand: Er stellt sich und uns die Frage: Bringt mich das Gott näher?

 „Ich rede von Trost, wenn in der Seele eine innere Bewegung sich verursacht, bei welcher die Seele in Liebe zu ihrem Schöpfer und Herrn zu entbrennen beginnt, … Und endlich nenne ich Trost jede Zunahme von Hoffnung, Glaube und Liebe, und jede innere Freudigkeit, die ihn zu den himmlischen Dingen ruft und zieht und zum eigenen Heil seiner Seele, indem sie ihn besänftigt und befriedet in seinem Schöpfer und Herrn.“

Geistliche Übungen Nr. 316

Ist das nicht naiv, in dieser Situation nach Gott zu fragen? Erleben wir nicht gerade, dass Corona-Pandemie benützt wird, um Bürgerrechte oder Menschenrechte einzuengen? Wir sehen das relativ deutlich in China und auch in Russland. Und bei uns? Jeder der Social Media nützt (Google, Youtube, Facebook, WhatsApp, Instagram, Amazon usw.) wird vermarktet. Oft sagen Menschen: Ich habe nichts zu verbergen, aber das ist sehr naiv. Wenn wir für etwas nichts bezahlen müssen, sind wir das Produkt, das verkauft wird.

In der Mediathek von Arte findet sich eine Beitrag: Überwacht: 7 Milliarden im Visier. und in der Mediathek bei ARD: Neuland – Wer hat die Macht im Internet? Beide sind sehenswert.

Überwacht: 7 Milliarden im Visier.

 https://www.arte.tv/de/videos/083310-000-A/ueberwacht-sieben-milliarden-im-visier/

Neuland – Wer hat die Macht im Internet?

 https://www.ardmediathek.de/ard/player/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL3JlcG9ydGFnZSBfIGRva3VtZW50YXRpb24gaW0gZXJzdGVuLzQwNWY3YmQ2LTUwODgtNGZhNC1iN2RiLWU3MTg5ZGY1N2Q4MA/neuland-wer-hat-die-macht-im-internet

Facebook, Google und Amazon zusammen haben weltweit weniger Mitarbeiter als z.B. Siemens, dennoch sind ihre Eigentümer in kürzester Zeit die reichsten Menschen der Erde geworden. Sie sammeln alles über uns, legen Persönlichkeitsprofile an und werden reich mit ihrem Wissen über uns. Andere kaufen für viel Geld diese Persönlichkeitsprofile, um uns unbemerkt zu beeinflussen.

Im Beitrag „Neuland“ veranschaulicht ein Informatiker des Max-Planck-Institut für Bildungsforschung ab Minute 31 wie diese Beeinflussung geschieht. Die Social-Media-Unternehmen wissen, vor welchen Geschäften Sie stehen bleiben, welche Schaufenster Sie interessieren und wie lange Sie davor stehen, denn das Bewegungsprofil zeichnet Ihre Wege auf. Alle Webseiten, die Sie anklicken werden zusammen mit der Zeit, die Sie darauf verweilen, gespeichert. Emotionen und Bilder, die Sie mit anderen teilen, all das fließt in Ihr Profil ein.

Aus dem Nutzerverhalten können diese Unternehmen z.B. ablesen, dass ein Paar über eine Familiengründung nachdenkt. Sie wissen natürlich auch, dass dieses Paar gerne miteinander reist. Diese Informationen werden an den Meistbietenden verkauft. Ein Firma für künstliche Befruchtung erwirbt sich diese Persönlichkeitsprofile. Um ins Geschäft zu kommen, bieten sie dem Paar günstige Weltreisen an und spielen Urlaubsvideos ein. Das Paar beißt an und es reist und verlegt die Familienplanung auf später. Wenn es dann nicht mehr auf natürlichen Weg Kinder kriegen kann, bringt sich das Kinderwunsch-Unternehmen selbst ins Spiel und hilft dem Paar seinen Kinderwunsch mit viel Geld zu verwirklichen.

Bist du traurig, einsam, ängstlich? Glücklich, selbstbewusst? Bekommst du deine Tage? Hast du Abstiegsängste? Sogenannte Werbetreibende können präzise den Moment abpassen, wenn du genau in der richtigen Stimmung bist, um dich mit Anzeigen zu beeinflussen, die auch bei Leuten funktioniert haben, die bestimmte Eigenschaften und Situationen mit dir gemein haben.

JARON LANIER: Zehn Gründe, warum du diene Social Media Accounts sofort löschen musst. 2. Auflage — Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag, 2018, S. 12.

Wir wissen natürlich auch, dass wir den modernen Plattformen nicht ganz entkommen, aber wir sollten sie auch nicht naiv verwenden und sie großzügig mit unseren Daten füttern, sondern uns nach Alternativen umsehen.

Spätestens wenn Sie an sich unversöhnliche Emotionen wahrnehmen, sollten Sie sich fragen, ob das nicht auch auf Ihren Social Media Konsum zurückzuführen sein könnte. Sie sollten an den heiligen Ignatius denken und seine Frage: Bringt mich das Gott näher? Denn Gottes- und Nächstenliebe hängen sehr eng zusammen. Wer im ständigen Groll gegen andere lebt, hat nur schwerlich ein harmonisches Verhältnis zu Gott. Wenn Sie wollen, lesen Sie das 13. Kapitel des ersten Korintherbriefes.

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn als Christen wissen wir, dass es den Bösen gibt und dass er sich sicher nicht schlafen gelegt hat, nur weil eine Corona-Pandemie ausgebrochen ist. Eine Gesellschaft lebt vom gegenseitigen Vertrauen, Misstrauen lähmt die Gesellschaft und Hilfsbereitschaft. Bevor wir uns Stunden mit Thesen beschäftigen, die wir nicht überprüfen können, sollten wir uns besser fragen: Bringt mich das Gott näher? Wenn nicht, dann machen Sie es wie Mutter Theresa und praktizieren Sie Gottes- und Nächstenliebe. So sammeln Sie ‚Himmelsaktien‘ und das bringt Sie Gott näher.