24. September 2021

Der Mensch und das Leid

Das Leid und das Böse kamen und kommen immer noch durch die Abkehr des Menschen von Gott in die Welt.

Deshalb: Wie durch einen einzigen Menschen die Sünde in die Welt kam und durch die Sünde der Tod und auf diese Weise der Tod zu allen Menschen gelangte, weil alle sündigten –

Röm 5,12

Das Leid und das Böse entsprechen also nicht dem ursprünglichen Plan Gottes. Seit dem Sündenfall gilt, die Schöpfung wird durch das Offenbarwerden der Söhne Gottes von der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit. Es ist die Hinwendung des Menschen zu Gott, das geduldige Tragen von Leid und Ertragen des Bösen heilt uns und die Schöpfung. Blicken wir in unsere Kirchen und wir wissen, welch große Aufgabe das ist!

Denn die Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne Gottes. Gewiss, die Schöpfung ist der Nichtigkeit unterworfen, nicht aus eigenem Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat, auf Hoffnung hin: Denn auch sie, die Schöpfung, soll von der Knechtschaft der Vergänglichkeit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes.

Röm 8,19ff

Wir wollen jetzt kurz auf einige Ursachen blicken, die Leid erzeugen. Leid entsteht, wenn ich mich falsch verhalten habe. Dann quält mich mein Gewissen und ich muss die Folgen meines Handelns tragen, auch wenn sie unangenehm sind. Das Leid deckt so den Zustand meines Herzens auf und ist eine Einladung Gottes mich von Herzen zu bessern.

Leid kann ich aber auch erfahren, wenn ich bemüht bin mich vorbildlich zu verhalten. Mein vorbildliches Verhalten können andere als Vorwurf an ihren Lebensstil verstehen und mir mit Anfeindungen und Ablehnung begegnen.

Lasst uns dem Gerechten auflauern! Er ist uns unbequem und steht unserem Tun im Weg. Er wirft uns Vergehen gegen das Gesetz vor und beschuldigt uns des Verrats an unserer Erziehung. Er rühmt sich, die Erkenntnis Gottes zu besitzen, und nennt sich einen Knecht des Herrn. Er ist unserer Gesinnung ein Vorwurf, schon sein Anblick ist uns lästig; denn er führt ein Leben, das dem der andern nicht gleicht, und seine Wege sind grundverschieden. Als falsche Münze gelten wir ihm; von unseren Wegen hält er sich fern wie von Unrat.

Weis 2,12ff

In diesem Fall muss ich der Versuchung zur Verbitterung widerstehen und lernen Vergebung zu üben.

Leid entsteht auch durch Krankheit und Tod. Sie machen uns unsere Sterblichkeit und die Verletzlichkeit unseres Lebens bewusst und können uns in ein tiefes Loch der Trauer stürzen. Im Letzten sind diese Situationen Einladungen Gottes im Glauben an das ewige Leben zu wachsen.

Eine weitere Ursache für Leid können Naturkatastrophen oder Amokläufe sein. Auch hier geht es um den Tod und das damit verbundene Leid, jedoch sind hier nicht einzelne sondern viele Menschen gleichzeitig betroffen. Gerade diese Situationen zeigen uns, dass Leid und Schuld nicht in einem direkten Zusammenhang stehen. Wir entdecken keinen greifbaren Sinn und die Frage Warum? steht im Raum. Wir würden gerne verstehen, warum Gott das zulässt. Aber wie wollen wir Gott verstehen, wenn wir nicht einmal unsere besten Freunde immer zu 100 % verstehen, obwohl sie Menschen sind wie wir.

Ich will ein persönliches Erlebnis erzählen, das mir geholfen hat. In meinem zweitem oder dritten Jahr als Priester, ich war gerade als Kaplan im Waldviertel/Niederösterreich eingesetzt, wurde ich von meinem Oberen gebeten den deutschen Klarissinen in Assisi achttägige Exerzitien zu geben. Ich war darauf absolut nicht vorbereitet und wehrte mich innerlich gegen diesen Auftrag. Mein Oberer wollte mir die Zusage erleichtern, indem er mir erklärte, ich müsste den Schwestern jeden Abend nur Betrachtungspunkte für den nächsten Tag geben. Das war für mich eine überschaubare Aufgabe und ich stimmte immer noch zögerlich zu. Ich nahm das Manuskript für ein Buch über das Leben Mariens mit. Ich wollte die viele freie Zeit sinnvoll nützen.

Als ich in Assisi ankam begrüßte mich die Oberin freundlich und erklärte mir den Tagesplan. Zu meinem Entsetzen war daraus zu entnehmen, dass ich jeden Tag vier Stunden Vorträge halten musste. Darauf war ich gar nicht vorbereitet. Auf was hatte ich mich da eingelassen? Es war zu spät, mich bei meinem Oberen zu beschweren oder ihn zu bitten mit der Oberin noch einmal zu sprechen. Gerettet habe ich mich damals dadurch, dass ich den Schwestern das Manuskript meines Buches vorlas. Sie waren begeistert und ich hatte es noch einmal Korrektur gelesen. Ich war zufrieden. Aber deswegen erzähle ich dieses Erlebnis nicht.

Am Ende der Exerzitien hatten die Schwestern die Gelegenheit mit mir zu sprechen. Ganz zum Schluss kam eine ganz junge Schwester zum Gespräch. Sie sagte mir, sie wolle mir erzählen, warum sie hier im Kloster ist. Das weckte noch nicht wirklich mein Interesse. Spannender wurde es für mich, als sie berichtete, dass sie auf meiner Primiz gewesen sei. Aber da waren hunderte von Jugendlichen, ich hatte kein Bild von ihr in Erinnerung. Weiter erzählte sie, dass ich in der Dankandacht am Nachmittag ein Gebet gesprochen hätte, dass ihr so sehr gefallen habe, dass sie anfing es täglich zu beten. Ich wusste sofort welches Gebet sie meinte, es war mein Lieblingsgebet. Mittlerweile hörte ich ihr aufmerksam zu.

Sie fuhr damit fort, dass ihr Leben damals nicht besonders gläubig war, dieses Gebet aber schließlich dazu geführt habe, dass sie hier im Kloster eingetreten sei. Jetzt war ich wirklich sprachlos. Denn dieses Gebet sprach ich damals allein, weil es mir gefiel, ich hatte keine missionarischen Hintergedanken dabei. Gott benutzte mich unbewusst als sein Werkzeug. In diesem Augenblick war ich meinem Oberen sehr dankbar und froh, dass ich meinen Widerwillen gegen diese Aufgabe aufgegeben hatte, denn ich hätte sonst nie erfahren, wie Gott wirkt.

Wenn Gott ein gesprochenes Lieblingsgebet verwenden kann, damit ein anderer Mensch seine Berufung findet, dann kann er auch geduldig ertragenes Leid fruchtbar machen, da wo wir es nicht sehen. Es gehört dann wohl zu den Überraschungen des Himmels zu erfahren, wo Gott uns als Werkzeug verwendet hat.

Leid kann natürlich auch dazu führen, dass unsere Seele eine Hornhaut bekommt und sich von allen anderen abschottet, weil man sowieso nicht verstanden wird. Zorn und Wut können im Herzen aufsteigen und sich gegen die Ungerechtigkeit des Lebens oder auch gegen Gott richten. Andere wieder fühlen sich in ihrem Elend wohl und baden sich im Selbstmitleid.

Gott würde es vorziehen, wenn das Leid mich demütig macht, weil ich mir der Zerbrechlichkeit des Lebens bewusst werde. Im Leid, wenn ich nicht so viel Kraft für die Selbstbeherrschung habe, zeigen sich auch meine Schwächen stärker. Das Leid kann mich also zu einer tieferen Selbsterkenntnis führen. Leid hilft mir aber auch die wirklich wichtigen Dinge im Leben von den weniger wichtigen und unwichtigen Dingen zu unterscheiden. Die unwichtigen Dinge verlieren im Leid ihren Glanz. Noch wichtiger aber ist, dass Leid mir den Zustand meiner Gottesbeziehung deutlich vor Augen stellt. Liebe ich wirklich Gott oder liebe ich ihn nur, weil ich gute Gaben von ihm erwarte? Will ich ihm mit meinem Leben dienen oder soll er mich bedienen? Obendrein kann Leid uns barmherziger machen. Not, die ich selbst schon erfahren habe, lässt mich die Not Leidender besser verstehen. Leid vertieft dann meine Beziehung zu Gott.

Ich ermahne euch also, Brüder und Schwestern, kraft der Barmherzigkeit Gottes, eure Leiber als lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer darzubringen – als euren geistigen Gottesdienst.

Röm 12,1

Massiver Druck macht aus Kohle einen Diamanten, wer mit Christus leidet, findet die Krone des Lebens, leuchtet den anderen als helles Licht.

Es wäre naiv zu glauben, das Leid mich nicht treffen kann. Denn Jesus hat das Leid nicht abgeschafft, sondern uns eingeladen mit ihm das Leid der Welt zu tragen.

Wer nicht sein Kreuz trägt und hinter mir hergeht, der kann nicht mein Jünger sein.

Lk 14,27

Der einzige, der wirklich zu Unrecht leiden musste, war Jesus. Wenn das Leid mich trifft, dann bin ich eingeladen auf Jesus zu blicken. Er legte seine Herrlichkeit ab, damit wir sie wieder anziehen können. Er ließ sich ans Kreuz nageln, damit wir wieder frei sein können.

Sucht aber zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit; dann wird euch alles andere dazugegeben. Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug an seiner eigenen Plage.

Mt 6,33-34

Wir müssen Gottes Hilfe im Leid nicht auf Vorrat spüren. Wir bekommen immer die Kraft für den Tag. Das genügt.

Während des Studiums der Theologie reift in jedem Priesteramtskandidaten langsam sein Primizspruch. Ein Motto und eine Motivation für den Weg als Priester. Für mich stammte er aus dem Johannes-Evangelium:

Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.

Joh 15,13

Ich war mir sicher, dass dies die Motivation des Herrn gewesen ist, warum er Mensch geworden ist. Und ich dachte mir, wenn ich das nur annähernd lebe, dann war mein Leben gut. Als Priester habe ich viele Sterbende begleiten dürfen und von ihnen den endgültigen Blick auf das eigene Leben kennengelernt. Angesichts des Todes beurteilt man viele Dinge mit einer anderen Brille. Im Sterben ist es meist auch nicht mehr so einfach, sich auf ein langes Gebet zu konzentrieren, was aber immer noch geht, ist, das eigene Leben mit den geduldig ertragenen Leiden in die Waagschale zu werfen, für all die Menschen, die einem am Herzen liegen. Wir ergänzen so, was an den Leiden Christi noch fehlt.

Jetzt freue ich mich in den Leiden, die ich für euch ertrage. Ich ergänze in meinem irdischen Leben, was an den Bedrängnissen Christi noch fehlt an seinem Leib, der die Kirche ist.

Kol 1,24