21. Mai 2024

Das Gleichnis vom Sämann

Waren Sie schon einmal im Heiligen Land? Am See von Galiläa? Dann wissen Sie, warum Jesus ins Boot stieg und von dort aus zu den Menschen sprach. Das ruhige Wasser und die engen, steilen Buchten sind wie ein Amphitheater. Die Akustik ist perfekt, ganz ohne jegliche Technik kann man so zu hunderten Menschen sprechen.

Wer waren die Zuhörer? Menschen, die glaubten und hofften, dass Gott das Reich Davids wiederherstellen würde. Sie waren Menschen, die sich nach dem Tag sehnten, da sie von den Unterdrückungen der Fremdherrschaft befreit und ihre Feinde schwer gestraft werden würden. Sie kamen aber auch, weil sie hofften, dass Jesus der erwartete Messias wäre. Und vielleicht wollte er ja, dass sie ihm halfen.

Sie hatten zahlreiche Ideen, nicht zuletzt eine militärische Revolution, die viele favorisierten. Würde dieser neue Prophet sie zu den Waffen rufen? Das erste Jahrhundert in Palästina war von messianischen Aufständen voll. Die Menschen erwarteten vom Messias die Befreiung von der Fremdherrschaft der Römer. Jedes Wort Jesu wurde geprüft, ob er diese Erwartungen bestätigen würde.

Während des Corona-Lockdown konnte man etwas Ähnliches erleben: Alles, was man sagte, wurde geprüft, ob man Befürworter oder Gegner der Corona-Maßnahmen ist. Das spaltet unsere Gesellschaft zum Teil noch heute. Oder versuchen sie sachlich etwas zur Geschlechtergerechtigkeit zu sagen, das nicht dem Mainstream entspricht. Sachliche Diskussion ist schwierig geworden. Sie stehen sofort in der Gefahr als Radikal eingestuft zu werden.

Ähnlich erging es Jesus Christus. So wählte er bewusst die Form der Gleichnisse, um seine Botschaft zu verkünden. Er nannte sich Menschensohn, diesen Titel gebrauchte der Prophet Daniel in seiner Prophezeiung. Nur gegenüber der Samariterin bekennt er, dass er der Messias ist. Bei ihr musste er nicht mit einem messianischen Aufstand rechnen. In den Augen seiner Zeitgenossen war er ein junger Prophet, der erstaunliche Dinge tat, sodass sie sich fragten, ob er der Messias sei. Als er anfing zu sprechen, war es auch kein Wunder, dass sie aufmerksam zuhörten, mucksmäuschenstill am Ufer standen, es jedem Geräusch oder dem Wind übel nahmen, dass sie ein Wort verpassten, während er im Boot saß.

Doch was er sagte, ist nicht genau das, was sie erwarteten. Er fordert sie auf: „Wenn ihr Ohren habt, dann hört!“ Jesus wollte, dass sie sich mit dem, was er sagte, auseinandersetzten, dass sie miteinander darüber redeten und darüber nachdachten. Von einem Menschen sagen die Evangelien dies mehrmals ausdrücklich: von Maria. „Sie bewahrte alles in ihrem Herzen und dachte darüber nach.“

In den Ohren der Zuhörer konnte sein Gleichnis die Geschichte Israels erzählen. Gott sandte Könige, Propheten und Priester, und keiner von ihnen war wirklich erfolgreich; nun sandte er jemanden, der erfolgreich sein würde. Aber welcher Bauer verschwendete zwei Drittel des Saatguts? Vielleicht übertrieb Jesus , um etwas besonders deutlich zu machen, doch was? Hatte Gott Schwierigkeiten sein Reich aufzurichten? Würden sie noch länger warten müssen? Was für eine große Ernte würde Jesus zufolge eintreten — ein hundertfacher Ertrag war spektakulär in einer Zeit ohne Dünger und Pestizide! Wie würde so etwas zustande kommen?

Niemandem ist jedoch der grundlegende Sinn seiner Aussagen entgangen. Jesus sagte: Ja, wonach ihr euch gesehnt und wofür ihr gebetet habt, wird tatsächlich wahr, wenn auch nicht so wie ihr es erwartet. Aber auch wenn es nicht mit euren Vorstellungen übereinstimmt, heißt das noch nicht, dass es nicht stimmt.

Bevor Jesus seinen Jüngern das Gleichnis erklärt, zitiert er den Propheten Jesaja: „Hören sollt ihr, hören und doch nicht verstehen; sehen sollt ihr, sehen und doch nicht einsehen. Denn das Herz dieses Volkes ist hart geworden.“ Sie hatten teilweise so vorgefertigte Erwartungen und Vorstellungen, dass sie nicht mehr offen waren für Gottes Pläne. Hier fiel der Same auf den Weg. Teilweise nahmen sie seine Ideen zwar freudig auf, aber wenn es darauf ankam, verfielen sie wieder in ihre alten Vorstellungen zurück. Hier fiel der Same auf steinigen Boden und bildete keine Wurzeln. Andere hörten ihm zu, aber die Sorgen der Welt und der trügerische Reichtum verhinderte, dass sie sich ihm wirklich anschlossen. Hier fiel der Same unter die Dornen und wurde erstickt. Vielleicht muss man selbst gesehen haben, wie groß die Dornen am See Genezareth werden, um zu verstehen wie eindrucksvoll dieses Bild ist.

Wie für die Menschen damals am Ufer ist es auch unsere Aufgabe heute, wenn wir die Bibel lesen oder im Gottesdienst hören, über Gottes Pläne in der heutigen Zeit nachzudenken. Ist unser Herz für Gott wie der steinige Weg, weil wir so detaillierte Vorstellungen haben, was Gott tun sollte, dass seine Pläne in unserem Herzen keinen Platz haben. Oder ist unser Herz wie felsiger Boden. Wir begeistern uns zwar für Gottes Pläne, aber unser Glaube ist nicht alltagstauglich. Treffen uns Not und Bedrängnis sind wir schnell bereit alles aufzugeben. Wenn die Sorgen der Welt und der trügerische Reichtum unser Herz vom konsequenten Glauben abhalten, dann fallen Gottes Pläne unter die Dornen und werden erstickt.

So wie ein Same wächst und zu seiner Zeit Frucht bringt, so braucht unser Glaube Geduld. Und wie die Pflanze von der Wurzel her wächst, so muss auch unser Glaube in die Tiefe wachsen, wenn er alltagstauglich werden soll. Das Gebet ist wie das Wasser, das den Samen wachsen lässt. Sich bewusst im Namen Jesu treffen. Gemeinsames Beten vor allem auch im Gottesdienst gehört wesentlich zur Kirche. Das unterscheidet uns von allen Vereinen, die gute Ziele verfolgen und wichtig sind.

Ein Teil der heutigen Katastrophe besteht darin, dass viele Getaufte anscheinend das Beten verlernt haben, sei es im familiären Bereich, sei es bei offiziellen Gottesdiensten. Wir glauben, dass wir die Probleme der Welt alle selbst lösen können oder müssen. Die einen leugnen die Klimaveränderungen, die anderen kleben sich auf den Straßen, Flugplätzen usw. fest. Jesus selbst hat immer wieder den Kontakt zum Vater gesucht und gepflegt. Als Christen müssen wir ihm nacheifern und immer wieder den Kontakt zum Vater suchen und pflegen, dann werden wir zusammen mit ihm die Probleme der Welt in den Griff bekommen.