12. August 2020

Gott oder ein Götze

Obwohl man die Existenz Gottes nicht mit wissenschaftlichen Experimenten widerlegen kann und selbst die fortschrittlichsten Wissenschaftler keine Erklärung haben, wie unser Bewusstsein oder das Gewissen entsteht, leben die meisten Menschen in unserer Gesellschaft heute so, als gäbe es Gott nicht.

Offen gesagt, weiß die Wissenschaft erstaunlich wenig über Geist und Bewusstsein. Die gängige Lehre behauptet gegenwärtig, Bewusstsein entstehe durch elektrochemische Reaktionen im Gehirn, und mentale Erfahrungen erfüllten wichtige datenverarbeitende Funktion. Niemand weiß jedoch so recht zu sagen, wie eine Ansammlung biochemischer Reaktionen und elektrischer Ströme im Gehirn die subjektive Erfahrung von Schmerz, Wut oder Liebe erzeugt.

Yuval Noah Harari. Homo Deus, Eine Geschichte von Morgen. C H Beck, S. 172

Der scheinbare Vorteil ist, dass es niemanden mehr über dem Menschen gibt, der ihm moralische Vorschriften auferlegen könnte. Doch bei näherer Betrachtung stimmt dies nicht. Der Kapitalismus hat sich wie ein Götze an die Stelle Gottes gesetzt. Er herrscht mittlerweile nicht nur im „Westen“, sondern auch in China und Russland und seinen Regeln unterwerfen sich Regierungen, Unternehmen und Menschen.

Der gesamte Vertrag lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Die Menschen stimmen zu, auf Sinn zu verzichten, und erhalten im Gegenzug Macht.

Yuval Noah Harari. Homo Deus, Eine Geschichte von Morgen. C H Beck, S. 311

Natürlich würde kein Kapitalist sagen, er sei religiös. Aber wenn Religion bedeutet, dass man sein Verhalten allgemein geltenden Regeln, die man nicht selbst gemacht hat, unterwirft, dann ist der Kapitalismus zumindest eine Quasi-Religion. Vor 100 Jahren haben die Menschen in Deutschland Sonn- und Feiertagen geheiligt, heute herrscht oft geschäftiges Treiben.

Die meisten Kapitalisten würden die Etikettierung als Religion vermutlich ablehnen, …

Yuval Noah Harari. Homo Deus, Eine Geschichte von Morgen. C H Beck, S. 326

Aber diese neue Götze hat es in sich. So erkennen wir z.B., dass wir mit dem Raubau in der Natur langfristig unser eigenes Leben und das unserer Kinder gefährden und wir halten deswegen Weltklimagipfel ab. Aber die größten Umweltverschmutzer China und die USA machen nicht mit. Sie nehmen die Gefahr des Kollaps schon auch wahr, aber größer ist ihre Angst im Wettlauf um die Macht zu verlieren. So ratifizieren China und die USA das Kyoto-Protokoll nicht, denn das könnte ihre eigene Wirtschaft bremsen. Etwas was als lebensnotwendig für die Welt erkannt wird, kann nicht getan werden.

Der Götze Kapitalismus hat ein gieriges und chaotisches System heiliggesprochen. Dass er heute die Regeln des menschlichen Lebens diktieren kann, hat seinen Grund in jedem einzelnen von uns: Je mehr christliche Verhaltensweisen aus unserem Leben verschwinden, desto mehr Raum findet er. Der Götze verleitet deutsche Unternehmen, die in China Geld verdienen, von der Verletzung der Menschenrecht ein wenig abzusehen. Sie können sich immer sagen, wenn wir das nicht machen, machen es andere und in Deutschland gehen Arbeitsplätze verloren. Und wer will schon arbeitslos werden?

Motor dieses Götzen sind Evolution und Selektion. Das hat zur Folge, dass man nicht ruhen und genießen darf, weil sonst die reelle Gefahr besteht, von anderen überholt zu werden.  Evolution und Selektion haben kein Verständnis für Erbarmen, für den Schwachen oder Menschenrechte. Wenn alle Menschen gleichen Wert und gleiche Lebenschancen hätten, würde die natürliche Auslese nicht mehr funktionieren. Selbst der Krieg kann dann wertvoll und wesentlich für den Fortschritt sein, da er der natürlichen Auslese dient. Der Götze sagt uns: Wer diese Wahrheit nicht anerkennt, kann nicht überleben.

Wir erleben, dass er dafür sorgt, dass einige sehr reich werden und viele selbst in den westlichen Gesellschaften so über die Runden kommen. Während der Corona-Pandemie ist der Amazon-Gründer 35 Milliarden Doller reicher geworden, während viele andere ihren Job verloren haben oder um ihn bangen. Gleichzeitig zahlt er praktisch keine Steuern.

https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/entwicklungsminister-gerd-mueller-krisengewinner-staerker-besteuern,S32Ci4X

Was wird mit dem Arbeitsmark passieren, wenn künstliche Intelligenz einmal die Menschen bei den meisten Aufgaben übertrifft? Welche politische Auswirkungen wird eine massenhafte neue Klasse von wirtschaftlich nutzlosen Menschen haben? Was wird mit der menschlichen Gesellschaft geschehen, wenn moderne Technologien für eine beispiellose Kluft zwischen Reich und Arm sorgen?

Gott beruft uns zu seinen Zeugen. Als Christen bezeugen wir, dass absolute Wahrheiten sowie der Sinn des Lebens auf einem ewigen Gesetz beruhen, das einer übermenschlichen Quelle entspringt: Gott. Der Kapitalismus würde seine Macht nur verlieren, wenn sich große Teile der Staaten auf eine menschliche Gesellschaft einigen würden und jeden bestrafen oder boykottieren, der versucht auszuscheren. Hier könnte die EU eine wichtig Rolle spielen.

Der Kapitalismus kann keinen Sinn stiften, der die Ordnung der Gesellschaft langfristig aufrecht erhält. Gott ist nicht nur der obersten Quell des Lebenssinns, sondern auch der Autorität. Sinn und Autorität gehen immer miteinander einher. Auch wenn die Position der Christen immer schwächer zu werden scheint und sich die Welt immer mehr um das Geld dreht, wir sind auf der Seite des Stärkeren. Eine Gesellschaft ohne Gott verliert ihre Menschlichkeit! In dieser Sinnkrise, die in den nächsten Jahren noch größer werden wird, muss die Kirche nicht alles auf den Kopf stellen, sondern sie muss Gott treu bleiben. Das Evangelium von heute fordert uns auf, sein treuer Zeuge zu sein.