13. April 2024

Gibt Arbeit meinem Leben Sinn?

Kohelet (der Schreiber eines alttestamentlichen Buches) versucht das Gefühl der Sinnlosigkeit zu verjagen, zunächst durch Lernen und Weisheit, als dies nicht gelingt, versucht er es durch Luxus und Vergnügen, weil aber auch so das Gefühl der Sinnlosigkeit bleibt, will er in Arbeit und Erfolg Sinn finden.

Wenn wir arbeiten, wollen wir etwas erreichen. Wir wollen für unsere Arbeit anerkannt werden, wir wollen etwas in unserem Fachgebiet leisten oder etwas tun, was die Welt zu einem besseren Ort macht. Nichts ist befriedigender als das Gefühl, durch unsere Arbeit etwas geschaffen zu haben, das bleibt. Und hier sagt Kohelet, dass selbst dann, wenn wir zu den wenigen gehören, die alle ihre Ziele erreichen, dies letztlich für die Katz ist, denn am Ende gibt es keine Leistungen, die bleiben. Früher oder später wird der Lauf der Geschichte alle Ergebnisse unserer Arbeit auslöschen.

Die Person, die die Firma weiterführt, die Sie gegründet haben, oder die Ihr Nachfolger im Verein wird, wird womöglich alles, was Sie erreicht haben, wieder zunichtemachen. Es gibt zwar Menschen, deren Erfindungen oder Innovationen die Menschheit lange begleiten, doch diese Menschen sind sehr selten, und früher oder später werden auch die Allerberühmtesten vergessen sein; am Ende wird jede Leistung unter der Sonne, ja die menschliche Kultur selber zu Staub werden.

Kurz: Selbst wenn unsere Arbeit nicht fruchtlos ist, gibt sie dem Leben keinen letzten Sinn, wenn das Leben unter der Sonne alles ist, was wir haben.

Oft fühlen wir uns unserer Arbeit entfremdet, weil die in allen sozialen Systemen zu findende Ungerechtigkeit und Entpersönlichung sich so leicht in unsere Arbeit einschleicht.

Wenn du beobachtest, dass in der Provinz die Armen ausgebeutet und Gericht und Gerechtigkeit nicht gewährt werden, dann wundere dich nicht über solche Vorgänge: Ein Mächtiger deckt den andern, hinter beiden stehen noch Mächtigere.

Koh 5,7

Unsere Arbeit kann uns sogar voneinander isolieren.

Es kommt vor, dass jemand allein steht und niemanden bei sich hat. Ja, er besitzt nicht einmal einen Sohn oder Bruder. Aber sein Besitz ist ohne Grenzen und überdies kann sein Auge vom Reichtum nicht genug bekommen. Doch für wen strenge ich mich dann an und warum gönne ich mir kein Glück? Auch das ist Windhauch und ein schlechtes Geschäft.

Koh 4,8

Hier ist jemand, der völlig allein ist, ohne Verwandte und Freunde, und dies durch seine Arbeit. Unser Arbeitsgeiz kann uns einreden, dass wir uns ja nur für unsere Lieben aufopfern, während wir sie in Wirklichkeit links liegen lassen. Sicher, Arbeit hat auch mit Verzicht und Opfer zu tun, aber dieser Mann fragt sich: Für wen mühe ich mich dann ab und gönne mir nichts Gutes mehr? Er hat die bittere Erfahrung gemacht, dass Arbeit um ihrer selbst willen nichts bringt.

Einer der Gründe, warum so viele Menschen ihre Arbeit unbefriedigend finden, ist ironischerweise, dass wir heute größere Möglichkeiten haben, uns unseren Beruf auszusuchen, als unsere Vorfahren. Viele Menschen wählen heute ihren Beruf nicht mehr nach ihren Fähigkeiten und Talenten, sondern nach ihren Vorstellungen davon, wie sie ihr Selbstbild am besten pflegen können. Für sie haben nur drei Berufsfelder einen hohen Status — die, die viel Geld bringen, die, die direkt etwas „für die Gesellschaft tun“, und die mit dem „Cool-Faktor“.

Da es keinen Konsens mehr über die Würde aller Arbeit gibt, geschweige denn darüber, dass wir bei allem, was wir tun, die Hände und Finger Gottes sind, die der Welt der Menschen dienen, ist die Berufswahl dieser Studierenden extrem eingeschränkt. Konkret bedeutet dies, dass sehr viele junge Erwachsene sich für einen Beruf entscheiden, der nicht zu ihnen passt, oder für einen, der von einem Leistungs- und Konkurrenzdruck geprägt ist, dem die meisten Menschen nicht gewachsen sind.

Womit viele Menschen darauf vorprogrammiert sind, ihr Arbeitsleben als unbefriedigend und sinnlos zu erleben.

Vielleicht hat es etwas mit der Mobilität unserer urbanen Kultur und der daraus folgenden Vereinzelung zu tun, aber in großen Städten sehen viele junge Leute den Prozess der Berufswahl mehr als die Wahl einer Identität denn als die Frage, wie sie ihre Gaben und Vorlieben zum Wohle der Welt einsetzen können. Wo frühere Generationen ihre Identität daraus bezogen, der Sohn oder die Tochter von Soundso zu sein oder im Viertel XY zu wohnen oder zu der Kirche A oder dem Club B zu gehören, versuchen die jungen Leute heute, sich nach dem Status ihrer Arbeit zu definieren.

Welche Weisheit gibt uns die Bibel mit auf den Weg, wenn es darum geht, unseren Beruf zu wählen?

Erstens: Wenn wir den Luxus der Wahl haben, sollten wir eine Arbeit wählen, die wir auch wirklich können. Sie sollte zu unseren Gaben und Fähigkeiten passen. Einen Beruf ergreifen, den wir gut können, heißt, uns selber als Garten zu sehen, aus dem man etwas machen kann; es heißt, uns den größtmöglichen Raum zu geben, unsere Kompetenzen zu entfalten.

Zweitens: Da der Hauptzweck der Arbeit darin besteht, der Welt zu dienen, sollten wir einen Beruf wählen, der unseren Mitmenschen nützt. Wir müssen uns fragen, ob unsere Arbeit oder Firma oder Branche die Menschen besser macht oder an ihre niedrigsten Charakterzüge appelliert. Nicht immer gibt es hier eine Schwarz-Weiß-Antwort, ja die Antwort kann beim einen so und beim anderen anders ausfallen. Jeder muss sich ganz persönlich klar werden, wie seine Arbeit der Welt dient.

Drittens: sollten wir, wenn irgend möglich, mit unserer Arbeit nicht nur unsere Familie, der Menschheit und uns selber etwas Gutes tun wollen, sondern auch dem Beruf, den wir da gewählt haben. Wir sollten nicht nur unseren Job machen, sondern die Menschheit ein kleines Stück fähiger machen, die erschaffene Welt zu kultivieren. Es ist ein erstrebenswertes Ziel, unseren Beruf und unser Fach ein Stück voranzubringen, der Welt zu zeigen, wie man das, was wir machen, noch besser, fairer, schöner und edler tun kann. Der Mensch, der arbeitet, soll Gott dienen, indem er seiner Arbeit dient.

Es ist möglich, sich einzubilden, dass man der Allgemeinheit dient, weil das, was ich tue, populär ist — wenigstens eine Zeit lang. Doch es könnte gut sein, dass ich gar nicht mehr der Allgemeinheit diene, sondern mir selber, weil ihr Beifall mir so gut tut. Tue ich meine Arbeit dagegen so gut, dass sie mit Gottes Hilfe Menschen zugutekommt, die mir nie danken können, oder Menschen, die nach mir kommen, hilft, sie noch besser zu machen, dann weiß ich, dass ich der Arbeit diene und meinen Nächsten tatsächlich liebe.

Arbeit ist unser Teil, unser Los, und wer mit seinem Leben zufrieden sein will, muss mit seiner Arbeit zufrieden sein. Aber wie kommen wir zu dieser Zufriedenheit angesichts der permanenten Widerstände, mit denen wir zu tun haben?

Wenn wir uns über die Früchte der Arbeit freuen können, ist das allein ein Geschenk Gottes. In einer gefallenen Welt ist Befriedigung in der Arbeit immer eine Wundergabe Gottes, und doch haben wir die Verantwortung, dieser Gabe dadurch nachzujagen, dass wir die richtige Balance halten zwischen Mühe und Ruhe. Ruhe ohne Mühe befriedigt nicht, und Mühe ohne Ruhe auch nicht. Wir brauchen beides: Arbeit und Ruhe.

Wie wir zu solch einer Balance im Leben kommen, ist eines der großen Themen der Bibel. Als Erstes müssen wir unsere Neigung, Geld und Macht zu Götzen zu machen, erkennen und abstellen. Zweitens müssen wir unseren Beziehungen ihren rechten Platz geben, auch wenn dies wahrscheinlich bedeutet, weniger Geld zu verdienen. Vor allem aber müssen wir ein Ziel verfolgen. Das Neue Testament zeigt uns, dass die tiefste Quelle der Ruhe, die wir finden können, Jesus Christus ist, der, weil er sich für uns am Kreuz abgemüht hat, uns die wahre Ruhe geben kann, die unsere Seelen brauchen.