12. August 2020

Das Warten auf Gott

Jetzt gibt es die ersten Lockerungen, aber von einem normalen Leben sind wir weit entfernt. Gleichzeitig werden bei Menschen aus finanziellen Sorgen existenzielle Nöte. Auch in der Welt scheint die Corona-Krise zu größeren wirtschaftlichen und damit finanziellen Verwerfungen zu führen. So ist am 20. April ein Barrel US-Rohöl der Sorte WTI an der Börse in New York (Dow Jones) ins Minus gerutscht! Wer ein Barrel abnimmt, bekommt noch Geld dafür! Für einen Bauern würde das bedeuten, er muss dem Käufer seiner Milch noch Geld geben, damit sie ihm abgenommen wird. Das sind durchaus beunruhigende Signale.

Vielleicht hilft uns ein Blick zurück in die Geschichte der Katholiken in Kasachstan, um etwas für heute zu lernen. In den Jahren 1763 und 1767 waren sie der Einladung der deutschstämmigen Zarin Katharina II. gefolgt, um die Steppengebiete an der Wolga zu kultivieren und die Überfälle der Reitervölker einzudämmen. Einige dieser Wolga-Deutschen folgten 1910 der Bitte, auch die Steppe in Nord-Kasachstan zu kultivieren und gründeten unter anderem das Dorf Tonkoschurowka.

Sie errichteten Holzhäuser, bauten eine Holzkirche, begannen das Land urbar zu machen und zu bewirtschaften. Sie hatten sich gerade eingerichtet, da wurde mit der kommunistischen Oktoberrevolution 1917 ihre Lage immer schlechter und unerträglicher. Bis 1929 hielt ein Priester das sakramentale Leben noch aufrecht. Wie viele andere Geistliche dieser Zeit landete er in einem Konzentrationslager.

1929 begannen die Kommunisten auch mit den Zwangsenteignungen der selbstständigen Bauern. In deren Verlauf allein in Kasachstan ca. 2 Millionen Menschen, d.h. etwa 38% der kasachischen Gesamtbevölkerung, verhungerten oder getötet wurden. Alles, selbst die brauchbare Wäsche, wurde abtransportiert. Die Menschen im Dorf kämpften Tag und Nacht um das nackte Überleben.

1936 verwüsteten die Kommunisten die Kirche. Das Kreuz und der Kelch wurden zerstört, Bücher, Bilder und Kreuzwegstationen verbrannt. Da kein Priester mehr vor Ort war und sich nicht sagen ließ, wann sich das wieder ändert, tauften die Frauen ihre Kinder und die Menschen versammelten sich regelmäßig zum Gebet. Weihwasser machten sie, indem sie Stücke der zerschlagenen Kreuze in Behälter gaben und Wasser darüber gossen, in der festen Überzeugung, dass Gott ihre Not sieht und der Segen sich vom geweihten Kreuzsplitter auf das Wasser überträgt.

1941 wurden viele Männer und Frauen zur „Arbeitsarmee“ einberufen und mussten unter schlechtesten Bedingungen in den etwa 1000 km entfernten Ural-Wäldern arbeiten. Nur 12 Menschen kamen zurück, die anderen waren verhungert oder erfroren.

Im Advent 1990, nach 61 Jahren, kam erstmals wieder ein Priester, Lorenz Gawol aus Berlin, in das Dorf auf Besuch. In Windeseile verbreitete sich diese Nachricht in der kasachischen Steppe und zum Gottesdienst am Heiligen Abend reisten Katholiken bis 1200 km an. Lorenz Gawol war von diesem Glauben und der Liebe zur Kirche so beeindruckt und gerührt, dass er sein Haus in Berlin verkaufte und den Rest seines Lebens in der Steppe wirkte.

Das jahrzehntelange Warten auf den Herrn im Sakrament hatte ihren Glauben reifen und in die Tiefe wachsen lassen.

1996 gründete Lorenz Gawol mit seinem Geld die Schule in Korneewka und baute sie schrittweise auf. Seit 1999 wird sie von einem Mitbruder geleitet, weil Lorenz Gawol an Krebs erkrankt war. Er verabschiedete sich bei den Menschen mit dem Gruß: Bis zum Wiedersehen im Himmel!, bevor er am 2. November 2001 verstarb.

Da der Präsident von Kasachstan die Lehrergehälter jährlich um 30% anhob, der Gebäudekomplex, die Angestellten, die Lehrer- und Schülerzahl wuchsen, geriet die Schule 2010 in finanzielle Not. Die monatlichen Kosten beliefen sich jetzt auf 42.500 €, zu viel für unsere kleine Gemeinschaft.

Gespräche mit dem Landkreis (Rajon) und dem Bundesland (Oblast) verliefen ergebnislos, weil sie dafür kein Budget hatten und die rechtliche Grundlage für eine Zusammenarbeit zwischen dem Staat und einem privaten Schulträger fehlte. So vergingen die ersten Monate des Jahres 2011. Ich bemühte mich, die monatlichen Gelder zu organisieren. Jedoch war klar, mit dem 1. September (dem Beginn des neuen Schuljahres) ist Schluss.

Die Direktorin Ludmilla Barabasch hielt das Lehrerkollegium und die Angestellten zusammen, und sie begannen am 1. September 2011 mit dem Betrieb ohne irgendeine Aussicht oder Zusage auf Gehalt. Sie hatten das Warten auf Gott ja bereits gelernt. Der September verging, der Oktober.

Im Oktober erfuhr der Präsident der Republik, ein Moslem, über die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland, von der Situation. Er gab die Anweisung: die Schule überlebt! Im November und Dezember wurde an einer rechtlichen Grundlage gearbeitet, aber noch immer bekam niemand ein Gehalt. Mit dem 1. Januar 2012 wurden alle Fächer, die staatlich vorgeschrieben sind, vom Staat bezahlt.

Ein muslimischer Präsident in einem postkommunistischen Land, das keine Zusammenarbeit mit privaten Schulträgern kennt, hatte sich entschlossen, mit dem einzigen katholischen Schulträger im zentralasiatischen Raum zusammen zu arbeiten.

Die Schule war! Erfolgreich studieren Schulabgänger in der ganzen Welt, auch in Deutschland. Diese Lebenschance verdanken sie dieser Gemeinschaft und Stärke des Glaubens. Schließlich gelang es mir noch Spender davon zu überzeugen, dass sie die vier Monate Gehalt (September bis Dezember) als Weihnachtsgeschenk den Angestellten unter den Christbaum legten.

Unsere Zeit lädt uns ein, aus einem tiefen Glauben zu leben und die christliche Gemeinschaft bewusst zu pflegen.