17. Juni 2024

Das Gebet braucht die Erkenntnis Gottes

Alle Versuche, in der Welt Kulturen ohne jede Form von Religion und ohne Gebet zu finden, sind gescheitert. Aus christlicher Sicht ist es nicht verwunderlich, dass das Gebet ein universales Phänomen ist. Denn Paulus sagt:

Seit Erschaffung der Welt wird nämlich seine unsichtbare Wirklichkeit an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen, seine ewige Macht und Gottheit.

Röm 1,20

Der Mensch ist als Ebenbild Gottes erschaffen und somit auch, um in Beziehung mit Gott zu leben. Beten (und wenn es nur ein Hilfeschrei in Not ist) ist der Versuch, mit diesem Wesen und seiner Realität in Verbindung zu treten. Wir Christen glauben, dass die Heilige Schrift und der Heilige Geist den Nebel von unserem Gottesbild auflösen können. Das christliche Gebet ist eine echte, persönliche Antwort auf Gottes Offenbarung.

Wie viele unserer menschlichen Gespräche sind nur oberflächlich, wir tauschen lediglich belanglose Informationen aus. Unsere Gespräche können aber auch in die Tiefe gehen, und wir spüren, wie wir nicht nur Informationen austauschen, sondern auch etwas von uns selbst dem anderen preisgeben. Dann wird das Gespräch zu einer persönlichen Begegnung. Paulus beschreibt unsere Beziehung zu Gott als ein Erkennen und von ihm Erkannt-Werden.

Wie aber könnt ihr jetzt, da ihr Gott erkannt habt, mehr noch von Gott erkannt worden seid, wieder zu den schwachen und armseligen Elementarmächten zurückkehren? Warum wollt ihr von Neuem ihre Sklaven werden?

Gal 4,9

Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt ist mein Erkennen Stückwerk, dann aber werde ich durch und durch erkennen, so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin.

1 Kor 13,12

Stellen Sie sich vor, Sie wollten jemandem helfen und müssen dann den Vorwurf hören, sie wären übergriffig. Oder: Sie vertrauen sich jemanden an und der nützt dieses Wissen dann, um Ihnen den Job wegzuschnappen. Die Erkenntnis, wer Jesus Christus ist, ist nicht unwesentlich für meine Beziehung zu ihm.

Erinnern Sie sich an Ijob? Obwohl er sich mit seinem Schicksal sehr schwer tat, wendete er sich nie von Gott ab, sondern fasste seinen Schmerz in Klagen. Die große Frage des Buches Ijob ist: Kann ein Mensch Gott rein um seiner selbst willen lieben, sodass er ihm in allen Lebenslagen treu bleibt? Am Ende des Buches bekommen wir die Antwort: Jawohl, dies ist möglich, aber nur mit Gebet. Je deutlicher Ijob erkennt, wer Gott ist, umso tiefer und voller werden seine Gebete; aus der bloßen Klage werden Bekenntnis, Bitte und Lobpreis. Die Kraft unserer Gebete liegt also nicht in erster Linie in unserem Wollen und Mühen oder in irgendeiner Gebetstechnik, sondern darin, wie gut wir Gott kennen. Vielleicht verstehen Sie jetzt, warum der Apostel Paulus (ebenso der hl. Ignatius von Loyola) im Gebet immer um eine tiefere Erkenntnis Gottes betet? Oder warum der hl. Hieronymus sagt: „Die Heilige Schrift nicht kennen, heißt, Christus nicht kennen.“

Wenn Gott (so wie die fernöstlichen Religionen dies lehren) unpersönlich wäre, wäre jede Form von Liebe (die sich ja nur zwischen zwei oder mehr Personen ereignen kann) oder Gebet eine Illusion. Und wenn Gott nur in einer Person bestünde, hätte selbstlose Liebe erst entstehen können, als Gott angefangen hatte, andere Dinge bzw. Wesen zu erschaffen. Für Gott würde dies bedeuten, dass Liebe nicht zu seinem Wesen gehört, sondern lediglich eine hinzugekommene Eigenschaft wäre. Das Christentum glaubt an einen Gott in drei Personen, die von aller Ewigkeit her einander kennen und lieben. In Gott gibt es von aller Ewigkeit her Kommunikation; im hohepriesterlichen Gebet (Joh 17 ) dürfen wir lauschen, wie Jesus mit seinem Vater spricht.

Wenn wir gut beten wollen, müssen wir uns auch bewusst machen, dass unsere Worte eine Wirkung haben. Warum sonst bereiten wir uns auf ein Bewerbungsgespräch vor, überlegen uns, was wir von uns sagen und was nicht? Wir können andere aufbauen, beleidigen, verletzen, loben … das gilt auch für unsere Beziehung zu Gott. (Einen wichtigen Unterschied gibt es: Unsere Worte brauchen entsprechende Taten, die sie Realität werden lassen, sonst bleiben sie leere Worte. Doch Gottes Worte bleiben nie leer, denn für Gott sind Reden und Handeln ein und dasselbe. Wenn Gott etwas sagt, ist es Realität. Weil Gottes Worte und Taten ein und dasselbe sind, vertraut der, der sein Vertrauen auf Gottes Verheißung setzt, Gott selber.)

Zu unserem Menschsein gehört es, dass wir Empfänger von Sprache sind. Sprechen lernen kann nur der, mit dem gesprochen wird. Langsam, Silbe um Silbe, erlangt ein Kind die Fähigkeit, zu antworten. Wir alle wurden, bevor wir sprachen, angesprochen. Das gitl auch für das Gebet und bedeutet, dass unsere Gebete aus unserem Lesen der heiligen Schrift folgen sollten. Dort begegnen wir dem realen und komplexen Gott. Und wie gute Freunde gelegentlich auch einmal verwirren oder nerven können, ähnlich stehen wir immer wieder verwirrt und befremdet vor dem Gott, dem wir in der heiligen Schrift begegnen – aber auch staunend und getröstet. Aber Sie sind nicht alleine und nicht der erste Beter, wir stehen in einer langen Tradition der Auslegung, die uns hilft Gott zu verstehen.

Es ist richtig, zuweilen im wortlosen Staunen und Anbeten vor Gott zu verharren, denn wenn zwei Menschen einander lieben, gibt es auch Stunden, wo sie einander schweigend anlächeln und ihre Zweisamkeit genießen, ohne dass es Worte braucht. Stille ist notwendig, wenn wir Gott hören wollen. Doch dann suchen selbst Menschen, die über beide Ohren verliebt sind, instinktiv nach Worten, um auszudrücken, was sie fühlen.

Wir sollten alles in unserer Macht Stehende tun, um Gott immer mehr so zu erkennen, wie er ist. Je deutlicher wir sehen, wer Gott ist, desto besser wird unser Beten. Ohne Gotteserkenntnis sind unsere Gebet nicht nur begrenzt, sondern womöglich auch realitätsfremd. Denn unser menschliches Herz hat einen hartnäckigen Drang, sich einen Gott zu schaffen, den es nicht gibt. Unser Beten ist dann keine Antwort auf den wahren Gott, sondern auf den Gott, den wir gerne hätten. Ohne Gotteserkenntnis gleiten unsere Gebete leicht zu Selbstgesprächen ab. Lesen Sie in der heiligen Schrift und nehmen Sie die Weisung der Kirche ernst.

Die Liebe, mit der du Gott liebst, und das Suchen, mit dem du ihn suchst, sind die Liebe und das Suchen, mit dem Gott dich sucht und liebt.

Hl. Augustinus