7. Dezember 2021

Das Single-Sein

Bist du an eine Frau gebunden, suche dich nicht zu lösen; bist du ohne Frau, dann suche keine! Heiratest du aber, so sündigst du nicht; und heiratet eine Jungfrau, sündigt auch sie nicht. Freilich werden solche Leute Bedrängnis erfahren in ihrem irdischen Dasein; ich aber möchte sie euch ersparen.

1 Kor 7,27-28

Vertritt Paulus hier nicht eine ganz andere Sicht von der Ehe als im Epheserbrief? Hatte er nur einen schlechten Tag, als er den Korintherbrief schrieb? Was wir nicht vergessen dürfen, es war die Zeit der Verfolgung. Christ zu werden brachte im Normalfall Verfolgung mit sich. Paulus war kein Endzeit-Prophet mit einem besonders negativen Blick auf die Welt, sondern ein Realist.

Auffallend am Christentum war aber: Sowohl Jesus als auch Paulus und viele der Apostel lebten als Single. Dies widersprach der Auffassung der Zeit. In der Antike waren Familie und Nachwuchs absolute Werte. Ohne Kinder verschwand man spurlos; man hatte buchstäblich keine Zukunft, nur in den Kindern lebte man weiter. Wenn Eltern alt wurden, wurden sie von ihren Kindern gepflegt, denn es gab keinen Sozialstaat und keine Rente. Somit galten in der Antike dauerhaft unverheiratete Erwachsene als Menschen, die kein wirklich vollwertiges Leben führten.

Im Korintherbrief kommt Paulus zur Einschätzung, dass auch das Single-Sein ein von Gott gesegneter Stand ist. Die heidnischen Witwen standen unter enormem sozialen Druck, sich so bald wie möglich wieder zu verheiraten; Kaiser Augustus hat sogar Witwen zu Geldstrafen verurteilen lassen, wenn sie sich nicht binnen zwei Jahren von neuem verheirateten. Bei den Christen war die Witwenschaft ein angesehener Stand – und eine Neuheirat kein Muss! Armen Witwen bot die Kirche ihren tätigen Beistand an, sodass diese frei entscheiden konnten, ob sie erneut heiraten wollten oder nicht.

Ein Christ, der bewusst ledig blieb, demonstrierte, dass der Garant der Zukunft der Gesellschaft nicht die Familie, sondern Gott ist. Christen setzen ihre Hoffnung nicht auf ihre Kinder, sondern ihre Kinder sind ein Zeichen der Hoffnung, dass Gott diese Welt nicht aufgegeben hat. Wie oft hört man heute als Pfarrer, dass man in diese Welt doch keine Kinder setzen kann. Dies widerspricht zutiefst dem Denken des Urchristentums und der Hoffnung auf Gott.

Das Singledasein sagte allen, in der Ehe geht es letztlich nicht um Sex oder soziale Stabilität oder persönliche Erfüllung, sondern die Ehe lässt uns etwas von Gott erahnen. Dies aber bedeutet, dass die Ehe etwas Vorläufiges ist. Sie ist Wegweiser hin zur eigentlichen Familie, für die unsere Herzen erschaffen sind. Selbst die beste Ehe kann nicht den Platz ausfüllen, den Gott in unserer Seele hinterlässt. Wenn die Ehe dies könnte, dann dürften Ehen nicht in die Brüche gehen. Gott steht nicht nur beim Single, sondern auch in der Ehe im Mittelpunkt. Egal, wie Sie leben: Setzen sie Gott an die erste Stelle.

Das Single-Sein weist daraufhin, dass am Ende nur unsere Beziehung zu Gott unsere tiefsten Sehnsüchte stillt. Gleichzeitig kennt das Christentum aber auch keine Angst vor der Ehe, sehr im Gegensatz zu unserer postmodernen Gesellschaft, die jegliche Verbindlichkeit scheut. Unsere kulturelle Angst vor der Ehe hat als Frucht den wählerischen Single hervorgebracht, der auf der permanenten Suche nach dem perfekten Partner ist.

So wird die moderne Partnersuche zu einer bemerkenswert krassen Form der Selbstvermarktung. Denken Sie nur daran, welche Bilder Sie von sich posten. Meist bietet Ihnen der Anbieter auch noch Tools zum Aufhübschen Ihrer Bilder. Ganz allgemein gilt: Wer ein Date und einen Partner oder gar Ehepartner will, sollte gut aussehen und Geld haben.

Wie anders wäre die Partnersuche, wenn wir die Ehe als Lebensschule betrachteten, in der die beiden Partner einander helfen, zu den Menschen zu werden, zu denen Gott sie für die Ewigkeit machen will? Was würde geschehen, wenn wir den Sinn der Ehe darin sähen, dass uns die Augen für unsere Sünden geöffnet werden und als Hilfe, um sie zu überwinden durch einen Menschen, der uns in Liebe die Wahrheit sagt?

Niemand kennt seinen Ehepartner perfekt, bevor er ihn heiratet, aber wenn zwei Personen heiraten, die beide an Gott glauben, dann weiß jeder der beiden etwas ganz Zentrales über das Denken und die Motive des anderen. Der Ehepartner sollte unbedingt ein Mensch sein, vor dem ich mich nicht verstecken oder Theater spielen muss, jemand, der mich im Innersten versteht – und dies ist schwierig, wenn er meinen Glauben nicht teilt. So viele Menschen wählen ihren Partner nach dessen Aussehen oder Geldbeutel, worauf sie anschließend oft den Eindruck haben, mit einer Person verheiratet zu sein, die sie eigentlich nicht wirklich wertschätzen.

Die Art von Liebe, die ein Leben lang hält, ist kein Gefühl. Sie beweist sich durch Taten der Liebe, selbst dann, wenn man nichts fühlt. Wer heiraten will, sollte erst die Freundschaft und dann die Erotik entwickeln. Wer heiraten will, sollte kein Scheinpartner eines Menschen werden, der es nicht wirklich ernst meint. Er sollte sich fragen: Haben wir schon ein paar echte Konflikte erlebt und gelöst? Haben wir schon einander um Vergebung gebeten und Vergebung auch angenommen? Haben wir einander gezeigt, dass wir fähig sind, uns aus Liebe zum anderen zu ändern?

Vergessen Sie nicht: Ein Christ kann auch als Single ein erfülltes Leben führen. Denn ob verheiratet oder nicht, den Platz in unserem Herzen und die tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit und Verständnis kann nur Gott selbst füllen. Der Single wird auf diese Tatsache schneller aufmerksam.