21. Mai 2024

Muttertag feiern, geht das noch?

Wir feiern an diesem Sonntag Muttertag. Darf man den Muttertag noch feiern oder wird dadurch die Frau zu sehr in ein veraltetes Rollendenken gepresst? Diesen Eindruck könnte man gewinnen, wenn man die Diskussionen der letzten Tage in den Medien verfolgt hat.

Machen wir ein Gedankenexperiment!

Wir versammeln Spitzenberater aus Wirtschaft und Politik, die auf die besten Hochschulen gegangen sind und für die besten Firmen gearbeitet haben und deren Kunden die Zufriedensten auf der Welt gewesen sind.

Wir stellen ihnen folgende Aufgabe: Was muss ich tun, wenn ich der berühmteste und einflussreichste Mensch werden will, der je gelebt hat; wenn ich möchte, dass noch in Jahrhunderten ganze Kulturen auf meinen Lehren aufgebaut sind; und wenn ich möchte, dass ich der Mittelpunkt des Lebens von hunderten Millionen, vielleicht sogar von zwei Milliarden Menschen bin?

Was würden uns die Berater wohl sagen?

Würden sie sagen: Sie müssen im Verborgenen und am Ende der Welt geboren worden sein. Meiden Sie sämtliche politischen, wirtschaftlichen und der akademischen Netzwerke, die irgendwie Einfluss haben könnten. Sorgen Sie dafür, dass Sie einen tragischen Tod erleiden, noch bevor sie 40 Jahre alt werden oder je ein Buch geschrieben haben.

Selbstverständlich würde keiner dieser Berater Ihnen diesen Rat geben – aber genau das ist der Weg Jesus. Wie grandios wäre er gescheitert, hätte er die Erfolgsrezepte der Welt befolgt!

Jesus hat seinen Platz im Himmel mit dem unseren auf Erden vertauscht. Er kam um unser Leben zu teilen bis in den Tod, damit wir mit Gott versöhnt werden, Vergebung finden und ein neuer Mensch werden können.

In den Augen der Welt stellt Jesu Tod am Kreuz die totale Niederlage da. Doch der Gekreuzigte demonstriert, dass das, was die Welt unter Größe und Weisheit versteht, eine Schwäche ist, die ständig neu zu Kriegen und Konflikten führt.

Die Gründer anderer großer Weltreligionen starben friedlich im Bett, umgeben von ihren Getreuen und in dem Wissen, dass ihre Bewegung wuchs und gedieh. Jesus dagegen starb einen Verbrechertod, verraten, verleugnet und von allen verlassen.

Andere Religionen, lehren Erlösung durch den allmählichen Aufstieg zu Gott mittels guter Werke, moralischer Tugend, der Befolgung von Ritualen – also eigener Anstrengung. Jesus dagegen erlöst uns dadurch, dass er zu uns herabstieg. Dies ist der große Unterschied zwischen dem christlichen Glauben und all den anderen Weltanschauungen.

Wenn Jesus uns dazu auffordert, unser Kreuz auf uns zu nehmen und ihm nach zu folgen, bedeutet das: So wie er uns nicht durch das Ausüben seiner Macht erlöst hat, sondern durch die freiwillige Aufgabe seiner Größe und Macht, so erlangen wir Größe vor Gott nicht dadurch, dass wir alle unsere Kraft zusammennehmen, sondern in dem wir unsere Schwäche und Bedürftigkeit eingestehen.

Und so wie bei Jesus Schwachheit und Schande, der Weg zur Herrlichkeit war, so ist bei uns die Reue über unsere Schuld, der Weg, um vom Herrn des Universums angenommen und geliebt zu werden.

Es gibt Geschenke, die man nicht annehmen kann, ohne seine Schwäche zuzugeben. Stellen Sie sich einen älteren Mann vor, der langsam schwerhörig wird, sich das aber nicht eingestehen will. Für ihn ist die Sache klar: die Leute nuscheln alle. Als seine Frau ihn zu einem Hörtest überreden kann, ist das Ergebnis eindeutig: der Mann braucht ein Hörgerät. Aber als er die Preise hört, sagt er resigniert: So teuer? Worauf seine Frau entgegnet: Such dir das Beste aus, ich schenk dir es dir. Das klingt nett, aber der Mann merkt, dass er, um dieses Geschenk anzunehmen, seine Schwachheit zugeben muss. Er muss seiner Frau sagen: Danke! Ja, ich werde allmählich alt und höre nicht mehr richtig, was die Leute mir sagen. Es gibt Geschenke, die kann man nur annehmen, wenn man seine Bedürftigkeit zugibt.

Das Evangelium ist das ultimative Geschenk Gottes an uns, und es erfordert das radikale Eingeständnis, dass wir ohne ihn den Himmel nicht erreichen werden. Niemand kommt zum Vater außer durch mich, sagt Jesus (vgl. Joh 14,6)

Wenn Jesus von sich sagen kann: Ich bin gütig und von Herzen demütig (Mt 11,29), dann kann Demut nichts mit Klein-Sein – unbedeutend sein – zu tun haben, denn Jesus war nicht klein, er war Gott. Dann kann Demut auch nichts mit sich Klein-Fühlen oder Minderwertigkeitsgefühlen zu tun haben, denn Jesus wusste wer er ist. Wenn wir die Demut von Jesus her versuchen zu verstehen, dann heißt Demut: Den Mut zu haben, sich für andere aus Liebe kleinzumachen.

Wir danken heute den Müttern, dass sie sich immer wieder kleinmachen aus Liebe zu anderen. Als Christen haben wir allen Grund den Muttertag zu feiern und uns von der Demut Jesu inspirieren zu lassen. Doch weil wir gerne groß und selbstständig sein wollen vor der Welt, fällt es uns oft schwer, unsere Bedürftigkeit vor Gott einzugestehen, aber sie ist der einzige Weg zur Erlösung.

Wir feiern Muttertag, nicht weil wir die Mütter in eine veraltete Rolle pressen wollen, sondern weil wir alle einladen, sich von der Demut Jesu inspirieren zu lassen.