24. September 2021

Das Geheimnis der Ehe

Haben Sie noch die Worte aus dem Epheserbrief im Ohr? 

Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche.

Eph 5,31

Paulus sagt uns durch die Blume: Wenn wir den dreifaltigen Gott verstehen wollen, müssen wir die Ehe verstehen! Verstehen zu wollen, was die Ehe ist, lohnt sich! Oder anders gefragt: Versteht die heutige Gesellschaft Gott nicht mehr, weil sie das Geheimnis der Ehe nicht mehr begreift? Lassen Sie es mich noch einmal anders formulieren: Die Ehe gibt Ihnen im Alltag Erfahrungen an die Hand, die Ihnen helfen, Gott zu verstehen. Haben Sie schon jemals so auf Ihre Ehe geblickt?

Jeder, der heiratet, weiß, das bringt Veränderungen mit sich, spätestens, wenn das erste Kind da ist. Machen Sie sich bewusst, die Ehe ist eine Schule, sie dient der Entwicklung des Charakters und der Stärkung der Gemeinschaft. Und vergessen Sie nie: Die Ehe ist der Versuch zweier fehlerhafter Menschen, in einer herzlosen Welt ein Stück Geborgenheit zu schaffen, eine Insel der Stabilität, der Liebe und des Trostes.

In unserer modernen, westlichen Kultur sind Freiheit, Autonomie und persönliche Erfüllung sehr wichtige Aspekte des Lebens geworden. Viele warten auf den perfekten Partner, der sie so nimmt, wie sie sind. Man will sich nicht verändern müssen. Hier könnten Sie einen ersten Widerspruch zur oben festgehaltenen Realität der Ehe feststellen.

Früher diente die Ehe dem Gemeinwohl, heute gleicht sie oft einer privaten Absprache zur Befriedigung der gegenseitigen Bedürfnisse. Früher ging es in der Ehe um das Wir, heute geht es mehr um das Ich. So eine „Ich-Ehe“ erfordert zwei seelisch kerngesunde, glückliche Individuen, die weder größere emotionale Bedürfnisse noch irgendwelche Macken haben, die dem anderen Arbeit machen könnten. Aber jeder weiß, dass der andere ebenfalls Bedürfnisse hat – tiefe Bedürfnisse, Fehler und Macken. Das kann wehtun, und so zögern die Menschen heute gerne lange bevor sie sich binden oder sie binden sich gar nicht.

Selbstverständlich gibt es gute Gründe, nicht jemanden zu heiraten, dessen Sprache man nicht spricht oder der in einer völlig anderen Kultur groß geworden ist. Es gibt Menschen, die definitiv die falschen Partner wären.

Die christliche Antwort auf das Warten, bis der perfekte Partner kommt,  ist: Die Ehe bringt zwei Menschen einander so nah, wie keine andere Beziehung. Darum beginnt in dem Augenblick, wo zwei Menschen heiraten, in beiden ein tiefer und von Gott gewollter Veränderungsprozess. Jedes Ehepaar besteht aus zwei Menschen, die beide auch durch die Sünde zumindest angeschlagen sind. Die Lehre von der Erbsünde sagt uns, dass in dieser gefallenen Welt auch die Ehe kein Selbstläufer ist.

Noch eine Veränderung lässt sich feststellen. Früher erwartete man von Ehe und Familie Liebe, Geborgenheit und Sicherheit, aber für den Sinn des Lebens, die Zukunftshoffnungen, den moralischen Kompass und die Selbstidentität war Gott zuständig. Doch in unserer heutigen Kultur gehen wir im Alltag oft davon aus, dass man sich auf Gott und das Jenseits (so es das denn geben sollte) nicht verlassen kann.

Die dadurch entstandene Lücke wird oft durch eine sehr romantische Vorstellung von Partnerschaft gefüllt. Allzuoft erwartet man unbewusst vom Partner das, was frühere Generationen von Gott erwartet hätten. Der Liebespartner wird zum idealisierten Partner, der am besten all unsere körperlichen, geistigen und moralischen Bedürfnisse erfüllen soll. Aber ehrlich gesagt: Kein Mensch kann diesem Anspruch gerecht werden.

Das Problem liegt nicht in der Ehe selbst. Aber wenn wir die Ehe zu romantisch und idealistisch sehen, unterschätzen wir den Einfluss der Sünde auf das menschliche Leben. Wenn wir sie zu pessimistisch und zynisch betrachten, dann verstehen wir wohl ihren göttlichen Ursprung nicht mehr. Wie viele Menschen sehen heute die Ehe zu romantisch und idealistisch und haben gleichzeitig ihren göttlichen Ursprung aus den Augen verloren? Sie sind mit einer doppelt-verzerrten Vorstellung belastet. Aber der Fehler liegt dann nicht in der Ehe, sondern in dieser Vorstellung.

Paulus nennt die Ehe ein Mysterium, er meint damit nicht ein esoterisches Geheimwissen, das nur Eingeweihten zugänglich ist, sondern eine unerwartete, erstaunliche Wahrheit, die Gott uns durch den Heiligen Geist offenbart. Aber was ist für Paulus das Geheimnis der Ehe? Er deutet die eheliche Liebe als Zeichen der Verbindung zwischen Christus und seiner Kirche. Kurz gesagt: Die eheliche Liebe soll die Liebe Jesu widerspiegeln:

Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.

Joh 13,34

Wer nicht sein Kreuz trägt und hinter mir hergeht, der kann nicht mein Jünger sein.

Lk 14,27

Jesus gab sein Leben für uns hin. Er lebte nicht für sich selbst oder sein Eigenwohl. Die Selbsthingabe Jesu macht gerade in der heiligen Kommunion eine unvorstellbar tiefe Gemeinschaft mit Gott möglich. Und Paulus sagt, die Selbsthingabe Jesu ist der Schlüssel nicht nur zum Verständnis, sondern auch zur Praxis der Ehe. Als Gott die Ehe einsetzte, dachte er bereits an die Erlösung!

Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und hängt seiner Frau an und sie werden ein Fleisch.

Gen 2,24

Die Ehe kann nur dann funktionieren, wenn sie sich von der Selbsthingabe Jesu nähert. Die Ehe ist keine Unterdrückungsinstitution, wie die moderne, westliche Gesellschaft sie gern sieht! Der Sinn der Ehe besteht  also weder darin, meine Eigeninteressen für das Wohl der Familie aufzuopfern, noch darin, sie mit aller Macht durchzusetzen, damit ich mich selbst verwirklichen kann! Das christliche Eheverständnis stellt uns nicht vor die Wahl zwischen Selbstverwirklichung und Opfer, sondern es bedeutet gegenseitige Selbstverwirklichung durch gegenseitiges Opfer.

Für die Frau wiederholt Paulus nur die Aufforderung zur Unterordnung (Eph 5,22), für den Mann verschärft er die Aufforderung. Warum? Es handelte sich damals um eine patriarchale Gesellschaft, nicht um eine Gesellschaft, die um Gleichstellung zwischen Mann und Frau bemüht war. Was Paulus sagt, sprengt die damals geltenden Vorstellungen über die Ehe: In der Ehe geben sich zwei Menschen hin; sie sterben sich in gewisser Weise selber. Doch die Selbsthingabe Jesu am Kreuz zeigt uns, wer sich in Liebe hingibt, verliert sein Leben nicht! In der Ehe sind die Ehepartner eingeladen, sich für den Partner aus Liebe kleinzumachen und einander in Achtung zuvorzukommen. Die Ehe ist ein Sakrament, sie ist ein gemeinsamer Weg zur Heiligkeit, zur Gemeinschaftsfähigkeit mit Gott und dem Nächsten.

Noch etwas ist wichtig: Wenn ich jemanden liebe, aber ihm nie die Wahrheit sage, dann lasse ich ihn im Glauben, dass er keine Fehler hat. Wenn ich jemandem die Wahrheit sage ohne Liebe, dann erhält er die richtige Information, aber auf eine Art, wie er sie vermutlich nicht annehmen kann. Auch hier lohnt sich der Blick auf den Herrn: Der Kreuzestod Jesu sagt uns, unsere Sünden sind nicht egal oder belanglos, denn für sie ist Jesus gestorben. Aber der Kreuzestod Jesu sagt uns auch, er hat uns trotz unserer Sünden angenommen und die Schuld für uns bezahlt.

Das ist das große Geheimnis! Durch die Selbsthingabe Jesu bekommen wir das Modell für die Ehe. Jesus hat uns bedingungslos angenommen. Die bedingungslose Annahme des Ehepartners gibt die Kraft, die Wahrheit über sich zu ertragen und Buße zu tun, und sich zu ändern. Der Blick auf die Selbsthingabe Jesu gibt uns die Kraft, die Sünden und Fehler des Partners zu sehen und über sie zu reden, und ihn dennoch ohne Abstriche anzunehmen und zu lieben.

Es gibt keine menschliche Beziehung, die größer oder wichtiger wäre als die Ehe und nach unserer Beziehung zu Gott ist die Ehe die tiefste Beziehung, die es gibt. Die Ehe ist die Einladung Gottes, die Selbsthingabe Jesu ganz konkret zu leben, nicht nur von ihr zu reden. Dabei dürfen wir darauf vertrauen, dass die Selbsthingabe Jesu die Herzen der Menschen ändern kann.